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Tastend ins Nichts

Foto: Von Doris Brändle

Esslingen: Blind durch die Esslinger Altstadt - ein Selbstversuch mit ganz neuen Einsichten
Von Doris Brändle

Das T-Shirt klebt feucht am Rücken, ich schlürfe Wasser direkt aus dem Hahn. Dann, am Schreibtisch, will mein Kopf nicht über einen Anfang für diesen Text nachdenken, er will sich einfach nur neben die Tastatur legen. Ich bin völlig erschöpft.Dabei liegen an diesem Samstagmorgen nur die läppischen 100 Meter vom Alten Rathaus zum Gebäude der Eßlinger Zeitung am Marktplatz hinter mir. Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverband Region Esslingen hat zum Tag des Sehens ins Alte Rathaus eingeladen, zeigt Hilfsmittel für Sehbehinderte und informiert über Augenkrankheiten. Aber wie ist das: blind sein? Natürlich begreift man das nicht in seinem ganzen Ausmaß, wenn man eine Stunde lang mit einer großen schwarzen Plastikbrille über den Marktplatz stolpert. Aber man bekommt eine Ahnung. Und darum geht es bei diesem Selbstversuch.

Erste Schritte in der Dunkelheit

Gernot Hörtdörfer aus Tübingen ist Orientierungs- und Mobilitätslehrer für Blinde und Sehbehinderte. Er hat viele Mitglieder des Esslinger Blindenvereins bei ihren ersten Schritten in der Dunkelheit begleitet. Jetzt drückt er mir einen langen Stock in die Hand, an dessen Ende ein tischtennisgroßer Ball sitzt. Ich soll mit dem Stock auf dem Boden immer von links nach rechts fahren, um Hindernisse zu ertasten. "Normalerweise üben wir auf einem langen breiten Flur erst einmal nur geradeaus zu gehen", sagt Hörtdörfer. Doch wir stürzen uns heute gleich in den Wochenmarkt. Das erste Stück, das ich mit der schwarzen Brille vor Augen gehen soll, führt vom Alten Rathaus geradeaus. Scheint einfach, ist es aber nicht. Ständig drifte ich vom Kurs ab. "Achten Sie darauf, dass Sie links das Plätschern des Brunnens hören und rechts die Stimmen der Hochzeitsgesellschaft", rät Hörtdörfer. Aber die Geräusche, an denen ich mich orientieren soll, taugen nicht viel. Es ist so laut, so viele Stimmen, das Plätschern ist kaum zu hören. Kommt es von links, halb links oder von vorn? Die linke Hand greift wie von selbst immer wieder in die Luft, so wie man sich nachts durch die dunkle Wohnung tastet. Doch hier fasst sie immer nur ins Nichts. "Ihr Arm ist doch viel zu kurz. Verlassen Sie sich auf den Stock", sagt Hörtdörfer. Das sei typisch für Anfänger, sagt Hörtdörfer. Genau wie mein schwankender Gang, denn auch der Gleichgewichtssinn kommt ohne Augen ins Straucheln.

Da ist ein Motorengeräusch, ganz nah. Jetzt bloß weg, aber soll ich vor, zurück, zur Seite? Meine Hände werden feucht, ich bin denen da draußen so ausgeliefert. Hörtdörfer muss immer wieder die Richtung korrigieren.
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