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Die Teilhabe am Leben ist sehr wichtig

FILDERSTADT: Jürgen Zimmermann bewältigt Alltag dank technischer Hilfen gut allein - Barrierefreiheit und Inklusion sind große Anliegen

Foto: Zentrum Zinsholz

Die Braillezeile übersetzt Buchstaben in Blindenschrift. So kann Jürgen Zimmermann alle Texte lesen, die er auf dem Computer hat. Foto: Kaier

Wer Jürgen Zimmermann nur auf die Finger schaut, sieht, wie geschickt sie über die Tastatur seines Computers gleiten, und erkennt nicht, dass er blind ist. Wichtiger als die Tastatur ist aber die Braillezeile auf der ausziehbaren Platte davor, die Buchstaben in Blindenschrift übersetzt. So kann er alle Texte lesen. Außerdem ist ein Gerät angeschlossen, das Texte vorliest. "Ohne PC könnte ich gar nicht mehr leben. Der Computer ist ein Hilfsmittel, das der Blinde unbedingt braucht." Damit erledige er die ganze Korrespondenz. "Die Teilhabe am Leben ist sehr, sehr wichtig", betont der 67-Jährige."Richtig gesehen habe ich nie." Als Baby litt er an einer Hornhautentzündung. Er war noch kein halbes Jahr alt, da hatte er in Karlsruhe schon vier Augenoperationen hinter sich. Geholfen haben sie nicht. Er hatte danach nur 2,5 Prozent Sehkraft, inzwischen sind es 0,008 Prozent. "Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten es sein lassen", sagt er rückblickend. Vorwurfsvoll klingt es aber nicht. Damals seien die medizinischen und technischen Möglichkeiten eben lange nicht so gut gewesen wie heute. Große Teile des Landes lagen zudem in Schutt und Asche. Geboren ist Jürgen Zimmermann am 2. Februar 1946, wenige Monate nach Kriegsende. Seine Mutter war alleinstehend, sein Vater wurde im Krieg vermisst.

Protokollant am Oberlandesgericht

Seine Mutter wollte, dass er zu Hause bleibt. Aber in dem Dorf bei Bad Herrenalb hätte er wohl kaum eine gute Schulbildung erhalten, denn die Lehrer kannten die Blindenschrift nicht. Deshalb ging er nach Stuttgart ins Internat der Nikolauspflege. "Mit sechs Jahren hat das harte Leben für mich angefangen." Nur in den Ferien kam er nach Hause in den Schwarzwald. "Das Reisen war ein Kraftakt in den 50er-Jahren." Inklusion, die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Kindern am Unterricht in normalen Schulen, ist ihm ein besonderes Anliegen. "Da sind wir noch nicht gut dabei."

Nach der Mittleren Reife absolvierte Zimmermann eine Ausbildung als Telefonist und Stenotypist. Zunächst arbeitete er als Telefonist in einer Einrichtung in Stuttgart, danach fast 40 Jahre lang, bis er 2006 in Ruhestand ging, als Schreibkraft beim Oberlandesgericht. Im Baader-Meinhof-Prozess war er Protokollant, er habe 10 000 Seiten Wortprotokolle vom Band abgeschrieben.

Es könne zwar passieren, dass er zu Hause ein Glas umwerfe, aber in einer vertrauten Umgebung wie seiner Wohnung in Harthausen, bewege er sich sicher, sagt Zimmermann. Seinen Alltag bewältigt er dank technischer Hilfsmittel gut alleine. Ein Farberkennungsgerät hilft ihm, die Kleidung auszuwählen, sein Wecker und seine Armbanduhr sagen ihm die Zeit an. Frühstück macht er selbst und er versorgt seinen Blindenführhund Zoe, einen Riesenschnauzer. Wenn er Kaffee eingieße, halte er den Finger in die Tasse "bis es warm wird". Nach dem Frühstück stellt er "alles erstmal in die Spüle". Bevor er irgendetwas anderes macht, geht er mit Zoe "die große Tour, bei jedem Wetter", betont er. "So ein großer Hund will bewegt werden."

Verschmutzte Feldwege sind für ihn auf den ausgedehnten Spaziergängen nicht nur ein Ärgernis, sondern eine echte Gefahr. Erdbrocken sind Stolperfallen. Richtig kritisch wird es allerdings, wenn der schmutzige Untergrund nach einem Regen glitschig ist. Im April vergangenen Jahres rutschte er aus und fiel auf den Rücken. Er hatte Glück und überstand den schweren Sturz ohne Verletzungen. Als er später auf einem Spaziergang einen Landwirt bat, die Wege doch möglichst sauber zu halten, blaffte ihn dieser an: "Wenn man nichts sieht, bleibt man daheim."

Freilaufende Hunde eine Gefahr

Eine Gefahr bestehe für einen Blinden auch, wenn Leute ihren Hund frei laufen lassen. Dann könne es passieren, dass Zoe mit dem Hund spielen wolle, unverhofft an der Leine ziehe - und ihn umreiße. Der Riesenschnauzer fordert durch sein Wesen und wuscheliges Fell geradezu zum Streicheln heraus. Das machten Fremde immer wieder - sollten sie aber nicht, "denn dann ist der Hund abgelenkt", erklärt Zimmermann. Er appelliert an Passanten, nur über die Straße zu gehen, wenn wirklich kein Auto kommt, oder wenn die Ampel Grün zeigt. Ein Blindenführhund, der darauf trainiert ist, zu warten bis die Straße frei ist, werde sonst konfus. Wenn er an einer belebten Kreuzung stehe, zittere Zoe oft am ganzen Leib, weil sie so angespannt sei.

Viele Menschen seien verunsichert oder gehemmt, wenn ein Blinder komme. Wenn sie Zweifel haben, ob er Hilfe benötigt, sollten sie ihn einfach fragen, ihn keinesfalls aber einfach am Arm packen. Benötige ein Blinder Unterstützung, bitte er in der Regel darum.

Jürgen Zimmermann engagiert sich, um Verständnis für Blinde zu wecken und ihnen das Leben zu erleichtern. Dazu geht er auch an Schulen. Er gehört dem Vorstand des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Region Esslingen an. Dort ist er für Beauftragter für die Blindenbetreuung. Neue Mitglieder nehme er an die Hand, "bis sie laufen können". Dazu gehört, sie über ihre Rechte und ihnen zustehende Leistungen zu informieren. Auf der Liste der SPD will er erneut für den Filderstädter Gemeinderat kandidieren. Vor fünf Jahren erhielt er 1156 Stimmen, "mehr als ich gedacht habe", sagt er lachend. Auch ohne Gemeinderatsmandat setzt er sich ein für Barrierefreiheit. Da sei einiges erreicht worden, es bleibe aber noch viel zu tun.

Unter Blinden sei die Frage üblich: "Hast du den Krimi gestern Abend gesehen?". Die Blindenbeschreibung auf einem Extra-Kanal ermöglicht es ihnen, den Fernseher zu nutzen. "Das ist eine ganz tolle Sache."

Die Serie "Leben mit Behinderung" stellt Menschen vor, die in ihren körperlichen und teilweise auch geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sind. Sie will zeigen, dass die Befangenheit in der Begegnung mit den Menschen ohne solche Einschränkungen unnötig sind, dass Hilfe, wo sinnvoll, gegeben werden darf, aber nicht aufgedrängt werden sollte. Inklusion heißt dann einfach: alltägliche Normalität.